Leica Erlebnistage in Nürnberg im Juli 2025: Kaum angekommen, fragt mich der gute alte Robin Disselkamp, was es eigentlich mit meinem BMW auf sich hat und was wirklich dahinter steckt. Er ist nicht der Erste der fragt und auch nicht der Letzte. Hier ist die ganze Geschichte – und ich warne dich, sie ist anders als du denkst.
Für Automobil-Enthusiasten ist das eigene Auto immer etwas ganz besonderes und die gemeinsame Geschichte ist stets außergewöhnlich. Oft haben diese Begeisterte etwas am Wagen verändert und angepasst oder sogar selbst gebaut, sodass es noch persönlicher ist. Unsere Geschichte hier ist dennoch anders – schließlich haben wir uns nie füreinander entschieden, geschweige dem erwartet dass wir eines Tages zueinander finden. Und nein, es war auch keine Liebe auf den ersten Blick. Mir fällt kein besserer Weg ein, die Tiefe dieser abzubilden, als einen kleinen persönlichen Brief.
brief an die stille.
Liebe Gefährtin,
2009 in Ingolstadt trafen wir uns das erste Mal. Ein Auto-Großhändler, der gerade die komplette Flotte an BMW 3er von Sixt abgekauft hatte, darunter auch du mit knapp 30.000 km auf der Uhr und sieben Monate alt. Meine Mama verliebte sich in dein Navigationssystem und die Farbe, mein Papa in das Powerhouse unter deiner Haube. Ich dagegen verliebte mich erneut in deine Vorgängerin, da ich endlich die Chance witterte, endlich einen BMW 3er mein Eigen nennen zu können, wenn auch nur einen E46 316i. Dein Innenraum roch nach Neuwagen und alles sah unberührt aus. Die silbernen Leisten gefielen mir weniger, dafür die technisch-kühle Atmosphäre umso mehr.
Während sich der Traum meiner Eltern verwirklichte und du in unsere Familie kamst, platzte meiner. Der alte BMW wurde einen unzugänglichen stumpfsinnigen Herren verkauft, der mir selbst viele Jahre später nie erzählen wollte, was aus dem Wagen wurde, schließlich wollte ich den Wagen zurückkaufen als ich das Geld hatte. Mama’s Auto besitzen und fahren war schon ein kleiner Traum.
Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen als meine Mum mich mit dir zu meinem Ferienjob beim Bosch in Reutlingen fuhr. Bis zu jenem Tag wusste ich nicht, dass dein Turbo sogar aus dem Auspuff rausbrüllen kann. Deinen jungfräulichen Kofferraum stopfte ich mit all‘ meinen Sachen voll als ich zuhause auszog und mit Mama am Steuer mit dir nach Konstanz fuhr. Ich sah dich traurig davonfahren als ich das erste Mal dort in meiner Studentenbude alleine blieb und mich einsam und verlassen fühlte.
Für mich warst du damals ein Symbol der Freude. Jedes Mal, wenn ich dich sah, waren meine Eltern in der Nähe. Wenn ich dich hörte, wusste ich, dass ich gleich meine Eltern sehen würde, die voller Freude ihren Sohnemann besuchten. Ende 2012 änderte sich plötzlich alles. Stundenlang sind wir auf einmal durch die Nacht gefahren, Papa am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz. Nur wir zwei. Stundenlang ins nirgendwo, auf der Suche nach einer Erklärung, was gerade passiert war und warum wir nur noch zu zweit waren. Wir konnten es nicht verstehen, dass meine Mama wirklich gestorben ist und wir sie nie wieder sehen würden. Wir wollten das auch nicht verstehen. In dir war immer noch ihr Duft und ihre Sachen im Handschuhfach. Du warst mit uns. Still und ruhig, hast uns getragen und unser stummes Schweigen ertragen. Nur du weißt, wieviele Tränen und Verzweiflung du gesehen hast.
Plötzlich warst du kein Symbol der Freude mehr, sondern der Erinnerung. Ein Monument, ein Mahnmal auf Rädern. Ein Relikt aus einer anderen Zeit, ein Stück heile Welt. Unzählige Male wünschte ich mich zurück auf die Rücksitzbank, doch nun war mein Platz auf dem Beifahrersitz. Copilot, Ersatzfahrer, Navigator. Ich zuckte jedes Mal innerlich zusammen wenn ich dich sah, wünschte mir doch so sehr dass beide meine Eltern ausstiegen. Doch es blieb dabei.
Natürlich wuchs ich in dieser Zeit noch stärker mit Papa zusammen und du warst auf eine abstruse Art und Weise Therapie für uns beide. Wir verbrachten sehr viel Zeit zusammen, ob stundenlang ziellos durch die Nacht auf der Suche nach Antworten oder auf den Weg zu den Philharmonien dieser Welt, um durch Gustav Mahler für einen Moment dem Schatten der Realität zu entfliehen. Wir sprachen viel in dieser Zeit, diskutierten, stritten, lachten und weinten gemeinsam und du warst immer dabei. Eine stille Begleiterin, die einen nie im Stich lässt. Du warst einfach immer da.
Dem Pragmatismus meines Dads bist du ein paar Male nur knapp entkommen: Er stellte es in Frage, ob er nun wirklich so ein großes und schnelles Auto brauchte. Und doch brachte er es nie übers Herz, sich von dir zu trennen, schließlich warst du Mama’s Auto. All‘ die Jahre behandelte er dich auch entsprechend respektvoll und voller Liebe.
Es brauchte Jahre, bis ich dich mit anderen Augen sehen konnte. Du warst ein Stück Zuhause, dass mich immer wieder heimsuchte – in Konstanz, später in Zuffenhausen und irgendwann wieder zurück in Reutlingen. Während die ganze Welt sich seltene Oldtimer oder teure Luxuslimousinen für die Hochzeit mietete, warst du die einzige Option als unser Hochzeitsauto – Herzenssache. Selbst auf den Bildern bist du präsent und keine unbedeutende Statistin. Mama’s Auto eben, mit ihren Initialen auf dem Kennzeichen. Ja, es hat sich ein klein bisschen so angefühlt, als wäre durch dich Mama physisch da gewesen, denn dabei war sie mit Sicherheit.



Die Spuren der Zeit gingen nicht spurlos an dir vorüber, beim genauen betrachten findet man lauter Spuren, die alle eine Geschichte erzählen und das seltsame dabei ist, dass ich sie alle kenne. Wie ein Buch, dass man schon tausende Male gelesen hat und trotzdem gerne in die Hand nimmt. Weil es sich vertraut anfühlt und weil man plötzlich die darin geschriebene Geschichte spürt, ohne sie zu lesen. Man darf es Patina und Gebrauchsspuren schimpfen, doch ich lese da drin eine Chronik.
Zeiten änderten sich und nach wie vor zuckte ich innerlich zusammen wenn ich dich sah, in der Zwischenzeit aber aus Freude weil ich wusste, dass mein Papa in der Nähe ist. In den Sommermonaten trafen wir uns in der Zwischenzeit in Griechenland, wo dich Papa hingefahren hatte und du mit ihm auf uns gewartet hast. Rund zehn Tage im Jahr verbrachten wir gemeinsam in Griechenland – die schönste Zeit des Jahres teilten wir mit dir. Bis zum Sommer 2023.
Drei Wochen waren diesen Sommer geplant, jedoch landete kurz zuvor mein Papa ungeplant in der Klinik in Tübingen – Krebs im Endstadium, gerade erst entdeckt. Strahlentherapie. Er bestand darauf, dass wir trotzdem nach Griechenland fliegen. Nach rund fünf Tagen in Griechenland beschlossen die Ärzte, die Behandlung doch fallen zu lassen und wir mussten so schnell wie möglich zurück nach Deutschland. Ich suchte verzweifelt nach Flugtickets und einer Spedition, die dich wieder zurückbringen konnte, jedoch vergeblich. Das einzige, was ich finden konnte waren Tickets für die Fähre von Igoumenitsa nach Ancona, jedoch ohne Kabine. Zu viert. An meinem Geburtstag fuhren wir los und die Sicherheit, dass du bei mir bist und dass ich mich auf dich verlassen kann, gab mir Mut diese Strecke zum ersten Mal zu fahren. Du hattest es nicht leicht mit mir, ich forderte dir alles ab. Von Kavala bis Reutlingen fuhren wir alles andere als langsam und gemütlich, wir flogen quasi. Du hast mitgemacht, still und ruhig wie immer. Zu dem Zeitpunkt habe ich nicht eine Sekunde daran gedacht, dass mein Platz von nun an der Fahrersitz sein wird.
Es folgten die miesesten Monate meines Lebens. Tägliche Fahrten nach Tübingen in die Klinik, später täglich von Reutlingen nach Münsingen ins Hospiz. Ich fing an mit dir zu sprechen. Und du hast geantwortet. Obwohl ich unglaubliche Angst vor allem hatte, wusstest du einen unerklärlichen Weg, mich zu beruhigen, zumindest zeitweise. In meiner absoluten inneren Dunkelheit warst du neben meiner Familie auch ein Licht. Eine Konstante, eine Begleiterin und wieder einmal ein Relikt aus einer anderen Zeit, einer Erinnerung an eine heile Welt. Ich dachte dass ich nie wieder lachen kann, dass ich nie wieder richtig leben kann. Als hätte man mir alle Freude genommen, mein Leben. Und du hast zugehört, alles ertragen. Nur du weißt noch, wieviele Tränen und wieviel Verzweiflung du gesehen hast – ich will es nicht mehr wissen.
Im Mai 2024 fuhren wir zusammen los, auf die wohl emotionalste Reise meines Lebens: Nach Griechenland, um die Scherben aufzusammeln und um mich um meinen Nachlass und den ganzen Papierkram zu kümmern. Was wir auf dieser Strecke alles erlebt haben verbindet uns wohl auf ewig. Es folgte im gleichen Jahr eine weitere Fahrt nach Griechenland, unser Familienurlaub und dieses Jahr, 2025, sind wir wieder zu zweit nach Griechenland gefahren, dabei sogar alles gefilmt und in wenigen Tagen fahren wir alle zusammen wieder. Dein Innenraum riecht immer noch ähnlich wie damals, als wir uns das erste Mal begegneten, nur verbinde ich diesen Duft in der Zwischenzeit nicht nur mit Erinnerung, sondern auch mit Abenteuer. Wo ich bin, bist auch du und wo du bist, bin ich.
So irrational es klingen mag, aber ich habe stets das Gefühl, dass gerade bei dir alles funktionieren muss. Das ist tatsächlich weniger meinem Perfektionismus geschuldet, sondern viel mehr dem unbeschreiblichen Gefühl tief in mir, dass es meine Pflicht ist dich im maximalst bestmöglichen Zustand zu erhalten.
Für mich bist du kein Auto. Wir waren zusammen in ganz Deutschland unterwegs, mehrmals in Griechenland und wir haben noch viel vor zusammen. Solange ich noch atme, werde ich dich nicht von meiner Seite geben, du bist ein Stück Zuhause, Kindheit, Leben, Erinnerung und Leben zugleich. Eine Konstante, die für Freude sorgt in der Zwischenzeit. Es liegt an mir, diese Geschichte weiterzuschreiben und ich freue mich auf alles, was wir gemeinsam noch erleben werden. Meinen 5er habe ich verkauft, da ich mich schwer tue, etwas ohne dich zu erleben.
Danke dass du bei mir bist. Obwohl du für manchen „nur ein Auto“ bist, sehe ich dich trotzdem als Teil von mir. Bitte bleib bei mir, ich möchte nicht mehr ohne dich sein.
dein Moe.
PS: Du bist natürlich auch die absolute Granate auf der Straße. Unabhängig von unserer Geschichte kann ich mir kein besseres Auto für mich vorstellen. Ich freue mich schon aufs nächste Abenteuer mit dir. Wie immer steht viel an und während wir in den nächsten Wochen wieder gemeinsam die Straßen Deutschlands, Österreichs, Italiens & Griechenlands unsicher machen, plane ich schon den nächsten Streich.
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